• Bild: Peter Lewis

SkyNews.ch November 2026

Neutral, aber nicht naiv

Geschätzte Leserinnen und Leser

Jede Generation von Schriftstellern und Historikern glaubt, in einer besonderen Zeit zu leben. Noch nie, heisst es, habe man dies, das oder jenes erlebt. In Wahrheit zeigt erst der Rückblick, was wirklich vor sich ging, wenn die Memoiren geschrieben und die Geheimakten geöffnet sind.

Im Nachkriegseuropa bot der Kalte Krieg einen brüchigen Frieden, der auf Stärke beruhte, während NATO und Warschauer Pakt unablässig ihre Muskeln spielen liessen. Wir Schweizer verfolgten das Kommen und Gehen der Regierungen von unserem Platz auf dem Neutralitätszaun aus. Niemand verlangte von uns, Partei zu ergreifen, auch wenn wir alle wussten, dass die Bösen Rot trugen.

Als Russland 2014 erstmals in die Ukraine einmarschierte, die Krim annektierte und den Krieg im Donbas schürte, zuckte die Welt mit den Schultern. Die Ukraine lag ausserhalb fast jedes Interessenbereichs. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte sie ihr Atomwaffenarsenal im Gegenzug für Sicherheitsgarantien abgegeben, die auch Russland gewährt hatte, und viele hielten eine Atommacht weniger für einen Segen. Erst als 2022 russische Kolonnen auf Kiew zurollten, wachte der Westen endlich auf. Die Verteidigungsbudgets wuchsen, und die Aktien der Rüstungskonzerne hoben ab wie die Raketen, die sie verkauften.

Finnland und Schweden, beide lange neutral, gaben diese Haltung auf und traten der NATO so rasch wie möglich bei, mit breiter Unterstützung über die Parteigrenzen hinweg. Hierzulande hingegen werden die geopolitischen Verschiebungen kaum wahrgenommen. Unser Verhältnis zur Neutralität gleicht weniger einer faktenbasierten Politik als einem Glaubensbekenntnis, das in Tradition und Gleichgültigkeit wurzelt. Die Neutralitätsinitiative, über die im September abgestimmt wurde, hat dies deutlich gemacht. Fast 800’000 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, rund 30 Prozent der Stimmenden, unterstützten einen Text, der uns gegenüber Aggressoren die Hände gebunden und der Schweiz den Beitritt zu jedem Verteidigungsbündnis verwehrt hätte. Dass die übrigen 1,85 Millionen die Vorlage als das erkannten, was sie war, nämlich ein Würgegriff für die künftige Aussenpolitik, ist beruhigend. Doch die Grösse der Minderheit sollte uns zu denken geben. Die eigentliche Frage lautet: Wie verteidigen wir unser Land in Zeiten des Krieges, wenn unsere grösste Schwäche womöglich unsere eigene Kultur der Bequemlichkeit ist?

Der erste Schritt ist ein Umdenken. Weder F-35-Kampfjets noch Patriot-Batterien oder Radarwarnsysteme nehmen uns das Denken ab. Solange wir es nicht wagen, über unsere Komfortzone hinauszublicken und die Bedrohungen um uns herum anzuerkennen, wird uns Hightech allein nicht auf die Konflikte unserer Zeit vorbereiten.

Peter Lewis, Aerospace-Unternehmer

Weitere Ausgaben

11/26

10/26

09/26

08/26

07/26

06/26

05/26

04/26

03/26

02/26

12/25

11/25

10/25

09/25

08/25

07/25

06/25

05/25

04/25

03/25

02/25

01/25

12/24

11/24

10/24

09/24

08/24

07/24

06/24

05/24

04/24

03/24

02/24

01/24

12/23

11/23

10/23

09/23

08/23

07/23

06/23

05/23

04/2023

03/2023

02/2023

01/2023

12/2022

11/2022

10/2022

09/2022

08/2022

07/2022

05/2022

04/2022

03/2022

02/2022

01/2022

12/2021

11/2021

10/2021

09/2021

08/2021

07/21

05/2021

04/2021

03/2021

02/2021

01/21

12/20

11/2020

10/20

09/2020

08/2020

07/2020

05/2020

04/2020

03/2020

02/2020

01/2020

12/2019

11/2019

10/2019

09/2019

08/2019

07/2019

05/2019

04/2019

03/2019

02/2019

01/2019